Elektrisch unterwegs
Praxistest: Mit der Vectrix VX-1 durch Berlin
04/2009

 
   
 

Unter Strom durch Berlin

 
   
  Taugen Elektroroller schon für den täglichen Einsatz?
Diese Frage lässt sich nicht nach einer kurzen Probefahrt beantworten.
Drei Hamburger waren einen Tag lang in Berlin mit drei Strom-Rollern unterwegs und haben völlig neue Eindrücke gesammelt. Elektrisch durch die Hauptstadt: Ein Praxistest.
 
   
   
   
 

Wir sind seit Jahren voller Spaß und Überzeugung mit Benzin-Zweirädern unterwegs. Mein Freund Stefan fährt in seiner Freizeit eine Royal Enfield, Egin ist mit einer 125er Habana Custom auf der Straße und meine Aprilia Habana im Retrostyle bewege ich jetzt schon seit mehr als acht Jahren fast täglich durch Hamburg.
Wer einmal sein Auto gegen einen Motorroller getauscht hat, wird vermutlich bestätigen, dass diese Art der Fortbewegung in einer Großstadt nicht zu schlagen ist. Nicht ohne Grund sind von Jahr zu Jahr mehr Motorroller auf den Straßen unterwegs, die Verkaufszahlen steigen zweistellig. Pünktlich zu einer Verabredung? Freunde besuchen im dichtgeparkten Eppendorf? Mit einem Roller kein Problem, das Gerät wird direkt vor der Haustür abgestellt. Die Vorteile gegenüber einem Motorrad sind ebenfalls offensichtlich: Ein Roller ist leichter und deshalb einfacher durch den Verkehr zu bewegen, außerdem ist die Ablagefläche vor den Beinen unschlagbar, wenn Einkäufe zu transportieren sind, ganz zu schweigen vom Regenschutz durch die Frontverkleidung.

Aber das bei weitem Wichtigste ist der Spaßfaktor. Rollerfahren ist noch intensiver als Cabriofahren, der Kontakt zur Umwelt ist direkter, Temperaturunterschiede von zwei, drei Grad wenn man sich der Alster oder Elbe nähert, der Geruch von frisch gemähtem Gras im Alstervorland, Vorfahren bei einer italienischen Eisdiele, das Gefühl ist pures Dolce Vita. Die beiden anderen Testkandidaten waren daher leicht zu überreden, an einem Freitagmorgen sehr früh aufzustehen, um von Hamburg zu einem ausgiebigen Rollertest nach Berlin zu fahren.

 
   
   
   
 

Der Start: Alles Elektrisch

Wir wollen einen neuen Maxi-Roller testen, der akzeptable Reichweite, stadttaugliche Geschwindigkeit und vernünftige Ladezeiten verspricht.
Der Generalimporteur hat seinen Firmensitz in Berlin und stellt uns drei Vectrix VX-1 zur Verfügung, alle anderen VX-1 Roller seien an diesem Wochenende auf Roadshows unterwegs. Passt doch. Wir brauchen ja nur drei.
Nach einem bisschen Papierkram folgte die Einweisung auf die Besonderheiten des Rollers (Foto oben). Der erste Eindruck konnte schon einmal überzeugen, die Verarbeitung wirkt sehr hochwertig. Der Sitzkomfort ist, wie es sich für einen großen Motorroller gehört, extrem gut. Der breite Sattel bietet für den Fahrer eine kleine Rückenlehne vor dem höher gelegenen Sattelteil für den Sozius, oder das weibliche Pendant. Gibt es eigentlich etwas, das hübscher aussieht als eine Sozia im Sommer – oder eine Rollerfahrerin?

Die Beinposition ist um einiges entspannter als bei der Habana, da die Beine nicht so stark angewinkelt werden. Schön nach vorn ausgestreckt fühlt es sich fast an wie auf einer Harley mit vorderen Fußrasten. Ansonsten steht der Roller vor einem wie ein normaler Maxi-Motorroller, wuchtig und solide. Bis auf die Beschriftung „Electric“ in weißen Buchstaben (Foto unten) auf der Seitenverkleidung. Stefan muss sich mit seinem fußgeschalteten Oldtimer etwas umgewöhnen.

Moderne Roller haben meist eine Automatik-Schaltung, der VX-1 hat noch nicht einmal die, und ist auch sonst deutlich anders.
Das geht schon beim Starten los: Schlüssel ins Schloss, dann linke Handbremse gebremst halten, rechte Handbremse ziehen: Das System startet. Und das Display wird zum Leben erweckt. Bunte Lampen blinken und Anzeigen mit horizontalen Balken zeigen den Ladezustand der Batterie. Alle drei Roller sagen: Wir sind voll, es kann losgehen. Links neben der Geschwindigkeitsanzeige wird die Reichweite in Kilometern angezeigt. Aber halt, dann wird das wohl nichts mit dem gemeinsamen Tag: Ein Roller zeigt 43, einer 56, einer 79. Unser Electric-Drill-Instructor Sven Wedemeyer weist aber darauf hin, dass sich das noch ändern wird. Der Roller berechnet die Reichweite laufend neu, je nach Fahrstil.

 
 

 
   
   
 

Die Technik: Leise Hupen und Energiegewinnung

Wir verstauen unsere mitgebrachten Verlängerungskabel unter dem Sitz und sehen dort den Ladungsstecker samt seiner 3m Leitung. Wir planen einen gemeinsamen Lade-Stopp in einem Café und rechnen damit, dass das fest eingebaute Kabel nicht ausreichen wird.
Das Kabel ist dick, sieht aus wie für Starkstrom, hat aber den ganz normalen Euro-Haushaltsstecker.
Weiter in der Einweisung, wir bewegen die Roller ein kleines Stück auf dem Innenhof. Die Ruhe, während der Roller startet und fertig zur Abfahrt steht, ist eine Sensation: Null Geräusche! Kein Summen, kein Surren, Nichts...! Wir lernen das Rückwärtsfahren. Den Gasgriff im Stand entgegen der normalen Richtung gedreht, bewegt den Roller in Schrittgeschwindigkeit rückwärts. Sehr hilfreich bei rund 240 Kilogramm. Damit bewegen wir das doppelte Gewicht unserer Habana-Roller. Und lernen gleich das Balancehalten. Der Schwerpunkt liegt tief, ein Versprechen für gutes Fahrverhalten, aber wenn der VX-1 ins Kippen kommt, hat man Mühe ihn aufzufangen.

Sehr interessant ist das KERS-ähnliche System zur Energierückgewinnung. Bewegt der Elektro-Pilot im Anflug auf eine Kreuzung den Gasgriff wie zum Rückwärtsfahren wieder in die entgegengesetzte Richtung, wird die Bewegungsenergie zurück in Strom umgewandelt. Das Herunterbremsen funktioniert bis zum absoluten Stillstand des Rollers. Anders als in der Formal 1 steht damit aber nicht mehr Sprint-Leistung zur Verfügung, sondern die Reichweite wird vergrößert. So kann Erziehung zum Energiesparen auch aussehen. Damit ist ebenso klar, dass die Ausfahrt zu einem Wettbewerb wird. Egin ist von uns Dreien am leichtesten, mir geht schon vor dem Start der Gedanke nach Gewichtsausgleich durch den Kopf, Bleiplatten oder so.

Eine Frage hat uns schon während der Anfahrt nach Berlin beschäftigt: Wenn der Roller so leise ist, wie verhalten sich da die Fußgänger am Straßenrand, die uns nicht kommen hören. Springen die einfach vor den Roller? Hier hat Vectrix mitgedacht und liefert die 2-Level-Hupe. Zart gedrückt hupt sie auch nur zart. Richtig gedrückt hupt sie richtig. Wir werden die Warneinrichtung allerdings auf der ganzen Tour nicht brauchen.
Genug der Einweisung, wir wollen los, das Wetter ist sensationell, das Gepäck ist im Hotel, die Stadt ruft. Egin hat früher in Berlin studiert, er soll vorfahren. Ohne mein Navi bin ich in Berlin verloren. Abgesprochen sind nur die Fahrt raus nach Potsdam und die Pause im Holländischen Viertel, um den Roller auf Strecke zu testen.
Es ist ein komisches Gefühl, loszufahren und zu wissen, dass man ohne Zwangspause nicht wieder zurückkommt. Mit einem Motorroller gehe ich einfach Tanken, das dauert fünf Minuten. Wir rechnen mit mindestens einer 2-Stunden Pause. Laut Hersteller werden gut vier Stunden für einen vollen Ladezyklus gebraucht. Also am besten über Nacht an die Steckdose.

Wir schaffen die enge Hofausfahrt, kreuzen Fuß- und Fahrradweg und sind unterwegs. Die Beschleunigung ist kräftig und gleichmäßig, der Roller wird von maximal 22 KW geradezu nach vorn gezogen. Jetzt hören wir auch das Antriebsgeräusch des Elektromotors als gleichmäßiges hohes Surren. Dazu noch ein bisschen Abrollgeräusch der breiten Roller-Reifen. Diese können sich gleich beweisen, denn Berlin hat Straßenbahnen. Und Schienen. Aber gelernt ist gelernt, es gilt, nicht im spitzen Winkel darüber zu fahren.
Wir gleiten die ersten Kilometer Richtung Stadtmitte, Französische Straße, Gendarmenmarkt, Brandenburger Tor. In Berlin ist das letzte Ferienwochenende erfahren wir später, denn die Straßen sind angenehm leer, das Rollern ist entspannt. Ich will ein Gruppenfoto machen, die anderen Beiden lehnen ab. Ist wohl zu peinlich so eine Show zu veranstalten. Ein Foto von mir und dem weißen Vectrix, die Quadriga im Hintergrund, das muss reichen. Mich interessiert besonders die Reaktion von Passanten und wir kommen hier das erste Mal ins Gespräch. Ein Pärchen aus einem Auto vor dem Adlon und wir empfehlen zum Kennenlernen die stundenweise Anmietung aus voller Überzeugung.

 
   
   
   
 

Die Strecke: Berlin hat Ferien

Schon nach den ersten Kilometern hat es uns gepackt. Es ist ein Kopfkino das abläuft. Unterwegs zu sein mit etwas, das eine neue Ära in der Fortbewegung einläutet. Und die Technik funktioniert in unserem Test zuverlässig.
Im Laufe der nächsten Kilometer haben sich unsere Anzeigen eingependelt. Wir fahren einen ähnlichen Stil und die Reichweite und der Batterie-Ladezustand zeigen annähernd gleiche Werte. Aber es gibt Unterschiede und so wird das Austauschen von Reichweite und Anzahl der Balken der Ladeanzeige zu einem Dauerspiel. Wie viele Balken hast du? Wie viele Kilometer? Nach einer Weile sagen wir uns an der Ampel nur noch: 65, zwei Balken weg. Und du? 68, auch zwei Balken. Bei Egin sieht es immer ein bisschen besser aus.

Da wir keinen Fahrplan gemacht haben, fahren wir kreuz und quer. Rüber zum Checkpoint Charlie (Foto oben), quer rüber zum Reichstag, Diplomatenviertel (Beschleunigungstest) und weiter über den Kudamm zum Boxenstop, Fahrerbetankung plus Currywurst am Kudamm 195 (Foto unten). Aber wir stehen unter Strom, der Stopp ist nur kurz. Weiter geht es, rüber zur Kantstraße und zum Savignyplatz. Wir nehmen viele Seitenstraßen (Stoßdämpfer- und Kurvenlagetest) und entschließen uns südwestlich in Richtung Potsdam zu fahren. Die Null-Geräusch-Kulisse an den Ampeln ist überwältigend. Der Roller steht, der Fahrer sitzt. Stören keine anderen Geräuschquellen wie Autos oder Motorräder, wird das Vogelgezwitscher richtig aufdringlich.

 
   
   
   
 

Der Fahrspaß: Ruhe ohne Ende

Wir fahren in Richtung Avus und testen den Roller ein bisschen auf Endgeschwindigkeit, bei 90 km/h lassen wir es gut sein. Die Balken nehmen ab, die Reichweite auch. Ab jetzt ist klar, die Pause in Potsdam ist Pflicht, der Point-of-no-return ist überfahren. Wir rollern Richtung Wannsee und halten etwas später an der Glienicker Brücke (Foto unten). Ein perfekter Ort für Vorbeifahrten. Wir machen Videoaufnahmen mit den Kameras und geben uns gegenseitig das Geräusch des vorbeistromernden Rollers. Von mir aus könnte die VX-1 im Fahrbetrieb sogar noch leiser sein.
Passanten sind da, fragen aber nichts. Ich bin etwas enttäuscht, würde gern etwas erzählen. Wir fahren weiter Richtung Holländisches Viertel und passieren einen Biker-Treff am Eingang zu Potsdam. Die Kneipe wird schon mal gebookmarkt. Falls uns niemand anders an seine Steckdose lassen will. Wir schweben vorbei wie elektrische Elfen.

Dann holt uns in Potsdam die Realität wieder auf den Boden zurück: Einbahnstraßen und Durchfahrtsbeschränkungen. Gelten die für uns auch? Wir finden ein Café am Nauener Tor an der Friedrich-Ebert-Straße. Sieht schon mal gut aus: Außenbeleuchtungen! Steckdosen! Zumindest schon mal zwei. Die ausgelegten Verlängerungskabel des Cafés sind unsere. Eine zusätzliche wird ins Cafe gelegt, wir sind ja gerüstet. Wir müssen allerdings die Bedienung ein bisschen überreden. Es liegt Bedenken in den Gesichtern. Wie viel Strom nehmen die Dinger wohl? Was wird der Chef sagen wenn die Stromrechnung explodiert ist? Schließlich können wir sie überzeugen und bestellen etwas zu Essen und zu Trinken (Umsatz). Ein zusätzliches Verlängerungskabel ist absolut empfehlenswert, nicht überall kommt man dicht genug an eine Steckdose heran.

 
 

 
   
   
 

Das Laden: Warten unter Spannung

Ab jetzt haben wir eines ganz sicher: Zeit! Viel Zeit!
Die Sitzbänke sind hochgeklappt, die Stromkabel liegen und der Lüfter der Roller läuft vor sich hin und kühlt die Batterie (Foto unten). Die Leistungsaufnahme soll etwa die eines Föns sein. Also so gute 1000 Watt und mehr.
Wir hätten gern eine kleine Infokarte der Rollerfirma, die den Verbrauch gastronomenfreundlich erklärt. Die macht Sinn und sollte es unbedingt in Zukunft geben.
Wir sehen auf die blinkenden Ladeanzeigen und auf den Himmel. Klar, dass genau jetzt dunkle Wolken aufziehen. Zwei Roller hängen an der selben Sicherung und die entschließt sich auszusteigen. Nix lädt mehr.
Zum Glück haben wir regelmäßig nachgesehen. Der Schuss wäre sonst nach hinten losgegangen, Warten ohne Laden. Eine andere Steckdose, dann läuft alles wieder. Wir haben keine Regensachen dabei.
Nach einer Stunde und 15 Minuten beschließen wir weiterzufahren. No risk no fun. Der Ladezustand sieht ok aus. Egins Roller hat einen deutlichen Vorsprung, Stefan und mich hatte ja die Sicherung erwischt. Wir bedanken uns, zahlen satte 5 Euro für die Dreier-Betankung und gleiten rüber zur russischen Kolonie Alexandrowka.

Gut 40 Kilometer Reichweite haben wir mindestens, hoffentlich ist die Anzeige korrekt. Es regnet nicht. Wie sind übermütig und entscheiden uns Richtung Norden zu fahren, also nicht zurück über die Glienicker Brücke. Kleiner Fehler, wir bemühen unsere zwei älteren transportablen Navis und eine große Informationstafel am Straßenrand, schließlich Google Maps im Smartphone. Wir finden den richtigen Weg.
Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an das elektrische Gleiten gewöhnt. Das Bremsen über den Gasgriff wird sehr schnell zur Gewohnheit, die normalen Bremsen werden eigentlich nur noch für Notsituationen gebraucht.

 
   
   
   
 

Das Feedback: Geil, Alter

Die Zeit ist im Rollern vergangen, wir entdecken noch einige schöne Plätze und checken etliche Sackgassen am Wasser. Wir passieren das Wirtshaus Schildhorn an der Havel, müssen aber vor 20 Uhr zurück beim Händler sein, also Rückweg.
Langsam wird es spannend, erste kritische Balkenvergleiche. Reicht noch, also weiter. Wir nehmen die Einfallstraße im Westen Richtung Tiergarten und Berlin Mitte. Alles läuft gut.

An einer Kreuzung steht eine Gruppe südländischer Jungs in einem BMW neben uns. Wir bekommen Zustimmung: „Ist der elektronisch?“ „Ja, alles nur mit Strom!“ „Ey geil, Mann!“ Wir üben das Fahren im fließenden Verkehr.
Drei Kilometer vor der Brunnenstraße ist Stefans Anzeige auf Null: Kein Balken, keine Kilometer!
Aber auch noch kein Leistungsverlust! Wir fahren auf den Hof, ich hätte noch 7 Kilometer fahren können, Egin noch 14. Was für ein Tag! Mit dem Motorroller eine Stadt zu entdecken ist ganz weit vorn. Rom war vor einigen Jahren schon eine sensationelle Erfahrung gewesen. Berlin war einfach nur klasse! Und mit einem Elektroroller ist so etwas einfach nicht mehr zu toppen.
Und Panik, dass man liegen bleibt ist eigentlich nicht nötig: Schließlich ist jedes Haus eine potentielle Tankstelle. Und interessante Kontakte sind dann immer garantiert.

 
   
   
   
 

Das Fazit: Alles sehr gut - fast

Die Erfahrungen waren sehr beeindruckend. Wie wird die Sache rund?
Elektroroller für die Stadt, Öko-Stromtarif und Nachtstrom aus der Garagensteckdose, oder ganz cool: Solarzellen auf dem Dach.
Schon bald soll es viele Solartankstellen auf öffentlichen Plätzen geben. Der Preis von nicht so viel unter zehntausend Euro für den Vectrix VX-1 holt einen noch auf den Boden zurück.
Dieser ist, neben der guten Verarbeitung, wie bei den Elektroautos den teuren Batterien geschuldet. Aber Leasing oder Miete für einen Tag sind auch eine Alternative. Und die eingeschränkte Reichweite von 75 Kilometern in unserem Test verlangt ein bisschen Planung.
Für meine Fahrstrecken in Hamburg ist das aber absolut ausreichend.
Mein nächster Roller fährt elektrisch!!

Zum Seitenanfang